Ich hasse reisen. Früh aufstehen, raus aus der Routine, rein in den Zug, in dem es nach Salamibrot, Parfüm und anderen Menschen riecht. Mir ist zu warm, weil ich mich am Ende doch beeilen musste, um den Zug zu kriegen und weil mir sowieso immer warm ist, vor allem, wenn ich überreizt bin. Mir ist schlecht. Ich schwitze. Ich will nach Hause.
So fängt jede Reise an:
Mit einem kurzen Ausraster meines Nervensystems und einer Menge Regulationsaufwand. Lavendelkissen oder Duft-Roll-on unter die Nase, Kopfhörer mit Lofi-Musik auf die Ohren, Augen schließen, atmen. Ein und aus und bloß nicht daran denken, dass die Zugfahrt noch zwei Stunden dauert. Mich kurz selbst daran erinnern, dass ich kein Problem mit Rückwärtsfahren habe.
Einatmen.
Ausatmen.
Ich schreibe diese Zeilen im Zug. Ich besuche meine Schwester und bin mit einer Fotografin verabredet, um neue Pressebilder zu machen (großes Shoutout an @_cxkxa_). Die ersten richtig professionellen Fotos, die ich von mir machen lasse. Ich freu mich richtig arg auf diesen Tag, aber ich bin auch nervös. Wegen der Zugfahrt und weil ich einen ganzen Tag von zuhause weg bin, nicht mal eben nach Hause kann, wenn es nicht mehr geht. Immerhin bin ich bei meiner Schwester, wo ich im Notfall schlafen kann.
Reisen bedeutet Stress
Reisen bedeutet schon im Vorfeld großen Planungsaufwand, auch wenn ich nur einen Tag unterwegs bin. Ich muss nicht nur den Reisetag planen, ich muss auch zwei Tage vorher und zwei Tage nachher im Blick haben.
Zwei Tage vorher für Vorbereitung: Möglichst entspannte Sachen machen, Energie auftanken. Damit ich am Reisetag fit bin und nicht schon nach der Zugfahrt überreizt. Das letzte Mal nämlich, als ich meine Schwester besuchen war, musste ich gleich nach der Ankunft sofort ins Bett, weil ich kurz vor dem totalen Crash stand. Entspannte Familienbesuche sehen anders aus.
Nach Reisen mindestens einen ruhigen Tag einplanen, besser zwei, zur Erholung. Denn egal wie gut ich drauf bin und wie gut die Reise läuft, es ist immer anstrengend und ich brauche danach Pause. Ich brauche meine Routinen. Ich brauche Zeit um Reize zu verarbeiten.
Zwei Monate später
Ich kann euch berichten: Ich bin gut durchgekommen durch diesen Tag. Er war anstrengend (ehrlich, ich wusste nicht, wie viel Hirn und Energie es braucht, um sich fotografieren zu lassen), aber auch sehr schön.
Gegen Nachmittag gabs eine kurze Krise, weil mein Zug ausgefallen ist und ich Sorge hatte, dass ich mit dem nächsten dann doch ein Stück im Dunkeln fahren muss. Zuglicht ist reiztechnisch mein absoluter Endgegner. Aber ey, ich hab‘s geschafft, ich hatte einen guten Tag und ich hab wahnsinnig tolle Fotos bekommen!



Und dann hab ich diesen Text hier zwei Monate liegen gelassen, weil ich mir mal wieder selbst eingeredet habe, dass das doch alles gar nicht so schlimm ist und ich mich wahrscheinlich einfach ein bisschen anstelle. Alle anderen können das schließlich auch. Muss an mir liegen, ich bin einfach zu empfindlich.
Der Witz ist, das stimmt halt auch irgendwie. „Zu empfindlich“ ist einfach nur negativ ausgedrückt.
Ein Teil des Neurodivergentseins ist, dass ich Reize schlechter filtern und verarbeiten kann. Ich nehme also sehr viel mehr gleichzeitig und gleich intensiv wahr als neurotypische Menschen. Im Zug ohne Kopfhörer? Absolut undenkbar.
Natürlich ist Neurodivergenz ein Spektrum und nicht jeder Person mit ADHS wird nach fünf Minuten Zugfahrt im Dunkeln schlecht, weil das Licht im Zug zu weiß ist. Mir aber halt schon und das hat nichts mit „Überempfindlichkeit“ und „sich anstellen“ zu tun.
Aber das ist das Ding mit späten Diagnosen und Sozialisation. Das kriegt man nicht so schnell aus sich raus.
Deswegen hier nochmal für alle zum Mitschreiben:
Es darf anstrengend sein.
Manches ist für dich tatsächlich schwerer als für andere.
Du stellst dich nicht an.
Und jetzt haut mir euren Lieblings-Beruhigungs-Skill in die Kommentare, trinkt was und dann macht was Schönes.
