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„Finanzen interessieren dich doch bestimmt gar nicht“ – Wieso jetzt?

„Was mir bei so trockenen Themen hilft“, sagt Michael und ich bin schon raus aus dem Gespräch. Michael heißt natürlich nicht wirklich Michael (den Namen habe ich ihm aus Datenschutzgründen gegeben), aber Michael hat eine Sache gemacht, die wohl viele machen, wenn eine Frau oder weiblich gelesene Person sagt, dass sie Bock hat, sich mit Finanzen und Buchhaltung auseinanderzusetzen. Er hat treu seiner sexistischen Sozialisierung (die wir alle haben) sofort gedacht:

Nee, Frauen interessieren sich doch nicht für Finanzen.

Michael hat das sicher nicht mit böser Absicht gemacht. Michael checkt vielleicht nicht mal, dass hinter diesem Schluss patriarchale Strukturen und ein sexistisches Gesellschaftssystem stecken. Auch unsere Therapeutin springt sofort auf den Zug auf.

Okay, stopp, kurz zum Kontext: Ich hab ADHS. Meine Diagnose habe ich seit ungefähr acht Monaten. Deswegen sitze ich jetzt einmal pro Woche in meiner psychoedukativen Gruppentherapie. Psychoedu-was? Psychoedukation. Heißt: Wir treffen uns einmal die Woche, um mehr über ADHS zu lernen. Heißt: Die Therapeutin gibt jede Woche einiges an Input zu Themen rund um Neurodivergenz. Und für alle, die damit jetzt noch gar nichts am Hut haben und bei der Erklärung noch weiter vorne starten müssen: ADHS heißt „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom“.1 ADHS zählt zu den Neurodivergenzen. Darunter fällt zum Beispiel auch Autismus. Neurodivergent zu sein bedeutet, dass dein Gehirn anders funktioniert als das Durchschnitts-Gehirn. Das Gegenteil von neurodivergent ist neurotypisch.
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1 Wobei der Begriff Aufmerksamkeitsdefizit eigentlich irreführend ist. ADHSler*innen können aufmerksam sein und sich konzentrieren, manche können das sogar richtig krass, die Regulation von Aufmerksamkeit und Konzentration funktioniert nur anders. Aber das führt hier jetzt zu weit.

„Ich glaube, was Michael Ihnen unterstellt, ist, dass die meisten Menschen sich für solche Themen ja eher nicht interessieren und Sie daher auch nicht“, sagt unsere Therapeutin.
„Ja, aber warum denn nicht?“, frage ich schon zum zweiten Mal. Ich bin so verwirrt. Also eigentlich nicht, dazu komme ich gleich.
In der heutigen Sitzung geht es um Hyperfokus. Hyperfokus ist ein Phänomen bei Menschen mit ADHS, bei dem sie sich über Stunden hinweg richtig tief in eine Sache reinstürzen und ihre Umgebung und zum Teil auch ihre Bedürfnisse komplett ausblenden können. Das kann dazu führen, dass man vergisst zu essen, zu trinken oder aufs Klo zu gehen, weil man einfach nicht merkt, dass man muss. Die eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, ist natürlich nicht so toll an der Sache. Aber sich so richtig in eine Sache vertiefen, eben hyperfokussieren zu können, kann schon ein krasser Skill sein. Das meinte ich übrigens u.a. eben damit, dass Menschen mit ADHS sich sehr wohl konzentrieren können, nur eben anders als das Durchschnitts-Gehirn.

Als wir über unsere Erfahrungen mit Hyperfokus sprechen, geht unsere Therapeutin direkt davon aus, dass ich häufig bei kreativen Themen wie Schreiben hyperfokussiert bin. Bin ja Poetryslammerin, klar. Das stimmt auch. Ich kann mich im Schreiben komplett verlieren und Hyperfokus richtet sich auch oft auf kreative Tätigkeiten. Aber den krassesten Hyperfokus hatte ich in der letzten Zeit beim Thema Finanzen und Buchhaltung. Ich mache mich gerade selbstständig, ich brauche also eine vernünftige Buchhaltung und generell will ich mich mehr mit meinen Finanzen auseinandersetzen und die endlich so richtig checken.

Mir macht das Spaß, über Stunden einen kompletten Deep-Dive in verschiedene Buchhaltungssoftwares zu machen, um für mich die beste zu finden.

Mir macht das Spaß, mich mit meinem Geld auseinanderzusetzen. Damit, was ich
damit machen will, wie ich es gut anlegen und investieren kann.

Sich mit seinem eigenen Geld und der eigenen Buchhaltung auszukennen, ist für mich der absolut krasseste Shit. Ihr checkt nicht, wie viel Bock ich darauf habe. Michael und meine Therapeutin scheinbar auch nicht. Denn Michael will mir sofort Tipps geben, wie ich dieses „trockene Thema“ für mich spaßiger verpacken kann. „Ich war ja auch mal selbstständig und musste das alles machen und ich hab mir dann halt so gedacht, das ist jetzt wie ein Praktikum beim Finanzamt machen. Damit ich das halt durchgezogen hab und danach aber auch ad acta legen konnte. Also vielleicht ist das ja auch hilfreich für dich.“

Du, Michael, es tut mir leid, aber ich brauch gar keine Hilfe. Ich hab da Bock drauf!

„Aber dabei geht es ja wahrscheinlich mehr darum, sich in etwas neues reinzuarbeiten, also, dass das Spaß macht“, wirft meine Therapeutin ein.

Hä? Klar, neue Dinge sind für Menschen mit ADHS oft der Shit. Die sind shiny und eben neu und können ganz viele tolle Sachen mit deinem Belohnungszentrum im Gehirn machen. Aber darum geht’s hier nicht. Natürlich spielt bei der Suche nach der passenden Buchhaltungssoftware auch mit rein, dass sie neu ist und ich ganz viele Sachen entdecken kann. Aber ich hab einfach Bock auf Buchhaltung und Finanzen. Warum ist das so schwer zu verstehen?

„Menschen haben halt unterschiedliche Interessen“, wirft Tarek irgendwann ein und ich lache laut auf. Literally. Weil ich die Situation so absurd finde.

Natürlich kann es an der Stelle sein, dass Michael einfach nur das Wort Buchhaltung und Finanzen gehört, sofort an seine eigene Erfahrung mit dem Thema gedacht und dann nicht mehr so genau zugehört hat. I mean, es ist eine Gruppentherapie für Menschen mit ADHS, da passiert sowas schon mal und das ist auch gar nicht schlimm. Sicher haben weder er noch unsere Therapeutin mir mit einer bösen Absicht unterstellt, dass mich das Thema eigentlich gar nicht so brennend interessieren kann. Alles was jetzt folgt, ist am Ende im Prinzip auch nur meine Interpretation der Situation und, ja, eine Unterstellung. Mir geht es dabei auch überhaupt nicht darum Michael und meine Therapeutin zu bashen. Wir gehen jetzt auf die Meta-Ebene. Bereit? Und los!

Ich kann in solchen Situationen nicht anders als mich zu fragen: Hätten wir diese Diskussion auch geführt, wäre ich ein Mann? Hätte dann irgendjemand so vehement hinterfragt, ob ich mich für Finanzen und Buchhaltung interessiere? Oder wäre es dann eben nicht so sehr als Abweichung von der Norm wahrgenommen worden, dass wir eine zehnminütige Diskussion darüber führen müssen?

Wir sind alle in einer patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen und sexistisch sozialisiert. Wir haben alle gelernt, dass es die Männer sind, die sich für die Hintergründe von Finanzen, für die Börse und Geldanlagen interessieren und Frauen, wenn überhaupt, nur dafür, das Geld auszugeben. Das müssen keine expliziten Glaubenssätze sein, die jemand hat. Michael würde wahrscheinlich sofort empört aufschreien, dass Frauen sich natürlich auch für Finanzen interessieren können und er das so doch gar nicht gemeint hat.

Das glaube ich ihm auch. Das Problem ist, dass diese Prozesse unbewusst
ablaufen und diese Denkweisen tief in uns verwurzelt sind.

Michael würde es wahrscheinlich gar nicht bemerken, dass er es nicht hinterfragt, wenn er das nächste Mal einem Peter gegenübersitzt, der ihm davon erzählt, wie geil er seine neue Buchhaltungssoftware findet. Das ist auch nichts, was ich Michael vorwerfe. Wäre es cool, wenn sich alle Menschen mehr mit ihrer eigenen Sozialisation auseinandersetzen würden und Dinge kritisch hinterfragen? Klar. Das hört ja bei feministischen Themen nicht auf. Das gilt auch für andere Diskriminierungsformen wie Rassismus oder Ableismus. Die stecken auch alle so tief in unserer Gesellschaft und unserem Denken drin, dass wir es oft gar nicht merken, wenn wir uns diskriminierend äußern. So lange, bis uns entweder jemand darauf hinweist oder wir uns selbst mit diesen Themen auseinandersetzen, dazulernen und aktiv Dinge hinterfragen.

Und das machen eben nicht alle Menschen bei allen Themen im gleichen Maß.

Manche haben nicht die Kapazitäten dazu, weil sie vielleicht selbst von einer anderen Diskriminierung betroffen sind und genug damit zu tun haben. Manche sind einfach ignorant und haben keinen Bock, weil nichts davon sie betrifft (nOt AlL mEn).

Ich stelle mir in solchen Momenten auch nur diese Fragen, weil ich mich seit Jahren mit Feminismus und sexistischen und patriarchalen Strukturen und Systemen auseinandersetze. Das ist Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil es jedes Mal eine Erinnerung daran ist, dass wir eben noch keine vollständige Geschlechtergerechtigkeit erreicht haben und weil ich mich über solche Situationen dann jedes Mal ärgere. Segen, weil ich weiß, warum ich mich ärgere. Zielgerichteter Ärger ist für mich besser auszuhalten, weil ich mit dann viel leichter überlegen kann, was ich jetzt mache.

Ich kann natürlich in eine Diskussion gehen und Michael und meine Therapeutin darauf hinweisen, dass sie sich vielleicht mal fragen sollten, ob sie auch bei einem Mann so reagiert hätten. Ihnen erklären, dass viele Frauen sich deshalb nicht so sehr um ihre Finanzen kümmern, weil es ihnen (implizit) so beigebracht wurde, nicht weil es sie nicht interessiert. „Da kümmert sich später schon der Mann drum.“

Das ist aber an diesem Tag keine Diskussion, die ich führen möchte. Dazu fehlt mir die Energie. Also lache ich einfach über die Absurdität der Situation und frage bei jeder Unterstellung einfach:

„Aber warum denn?“

Sollen sie doch selbst drauf kommen.

Und dann gehe ich nach Hause und schreibe diesen Text, der ja sowas von dafür gemacht ist, ihn auf einen Blog hochzuladen. Tada! Ärger hammer-konstruktiv genutzt und in diesem Sinne: Willkommen auf meinem Blog! Das hier wird auf jeden Fall ne genauso verlässlich-regelmäßige Sache, wie mein Nervensystem ohne ADHS-Medis.

Danke fürs Lesen und stay gay!

Eure Käte

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